17. August 2006, Neue Zürcher Zeitung

Grills, Gold und Diamanten

Ein neues Statussymbol in der «Bling-Bling»-Kultur des Hip-Hop

Grills, Gold und Diamanten

Und seit Nellys Ode an die schmucken Zahnleisten hat das «Bling-Bling», die Schmuckobsession der Hip-Hop-Kultur, eine neue Popularitätsstufe erklommen. Auf der Suche nach ein bisschen Extra-Glamour stürmen nun die Hip-Hop- Fans die Juwelierläden.

«Gangsta Grillz»

«Ich hab was übrig für Gangsta Grillz», singt die Houstoner R'n'B-Sängerin LaToya auf «Gangsta Grillz», ihrem jüngsten Hit. Dabei denkt sie wohl an Typen wie Baby: Der aus New Orleans stammende Rapper dokumentierte gerade in einem Video den Austausch seines alten, «nur» 250 000 Dollar teuren Grills durch ein neues 500 000-Dollar-Modell. Dabei verhält es sich mit den Grills wie mit Bodybuilding, Piercing-Ringen und Tattoos. Sie kamen einst aus der Unterschicht, galten als Domäne von Zuhältern, Schaustellern, Matrosen. Bis der Mainstream sie als Insignien einer neuen, narzisstischen Körperlichkeit entdeckte, so dass heute selbst biedere Bürolisten abends im Fitnessstudio stolz ihre Tribal-Tattoos entblössen.

Grills sind allerdings mehr als spätkapitalistischer Narzissmus-Wahn. Im rauen Klima des Ghettos symbolisieren die Schmuckleisten eine quasimagische Rüstung - und zeigen mitunter den unbedingten Willen, sich über alle Widrigkeiten hinweg als Individuum in Szene zu setzen. Nicht zufällig waren es Rapper aus den ärmsten Vierteln von New Orleans, die Grills als internationalen Modetrend lancierten. «Es ist im Süden Tradition, sich Goldzähne machen zu lassen», erklärt dazu Rapper Juvenile. «Vater, Onkel, Opa: Sie haben alle eine Goldspange im Mund. Wenn dein Leben schon beschissen ist, dann möchtest du eben wenigstens ein bisschen Glamour zur Schau tragen.» Psychoanalytiker haben die Grills-Mode als Ästhetisierung eines Traumas gedeutet. Wenn Zähne unter anderem für Potenz stehen, dann können goldene Gebisse zumindest den Anschein von Macht ausstrahlen - als Kompensation für die oft erniedrigenden Verhältnisse, unter denen Afroamerikaner der Unterschicht aufwachsen.

Pimp-Culture

Bling-Bling, der Schmuck-Kult der Hip-Hop- Szene, zieht seine Inspiration seit je aus der Pimp- Culture, der Zuhälter-Kultur: Die romantische und faszinierend anrüchige Figur des Zuhälters feiert eine Renaissance im schwarzen Pop. Nicht zufällig, so glaubt der afroamerikanische Kulturkritiker Robin D. G. Kelley, taucht der mythologische Pimp immer dann als Identifikationsfigur auf, wenn das schwarze männliche Amerika in der Krise steckt. Im Ghetto bietet er oft das einzige sichtbare Vorbild für materiellen Erfolg und Selbstbestimmung.

Die Fähigkeit des Pimps, seine Umgebung zu kontrollieren, dank seinem Geschäftssinn, seinem sexuellen Vermögen, seiner psychologischen Finesse und, ja, auch Gewalt Frauen dazu zu bringen, nach seinem Willen zu handeln und ihm Geld zu geben, gilt immer noch als seltenes Beispiel schwarzer männlicher Autorität - zumal unter den Jugendlichen im Ghetto - der am schlechtesten verdienenden, am meisten diskriminierten und am häufigsten zu Gefängnisstrafen verurteilten Bevölkerungsgruppe Amerikas. Das ist 2006 noch immer ähnlich wie Mitte der achtziger Jahre.

Damals erreichte die üppige Schmuckorgie im Hip-Hop - Goldketten, so dick wie Schiffstaue, diamantenbesetzte Augenklappen, protzige Vierfinger-Namensringe und Gold-Medaillons - ihren ersten Höhepunkt. Slick Rick liess sich einen Rubin in seinen Goldzahn einsetzen, Rapper- Kollegen - von LL Cool J bis zum Wu-Tang-Clan - folgten seiner Goldspur, gaben das Gewicht ihres Edelmetall-Schmucks als Beweis aus für ihren persönlichen Rang. Und suggerierten damit eine verbindliche, populär-darwinistische Ideologie. Gesellschaftlich engagierte Rapper wie De La Soul, A Tribe Called Quest oder KRS-One versuchten zwar, mit Leder-Medaillons, Perlenketten und Beduinenkleidern die Hip-Hop-Couture an das afrikanische «Mutterland» und eine «schwarze Natürlichkeit» zurückzubinden - durchgesetzt aber haben sie sich nicht.

Pimp-Cups

Einige Hip-Hop-Stars sind heute bekannter für ihr Bling-Bling als für ihre Reimkünste. Etwa Paul Wall aus Houston: «Mein Mund glitzert wie eine Discokugel», rappt er, der selber ein Geschäft für exklusive Grills betreibt, die er weltweit per Internet anbietet. Sie kosten zwischen 50 und 50 000 Dollar. Und tragen Modell-Bezeichnungen wie «Read My Lips», «Money In Your Mouth», «King Of The South», «Iceman» oder «Count Ice-Ula». «Speziell für die Damenwelt» bietet Paul Wall auch Modelle mit rosafarbenen Steinen an, etwa «Disco Ball» oder «Sno Cone». Und für einen Preis von 10 000 Dollar kann man sich gar die Landesflagge aus Edelsteinen auf die Zähne setzen lassen.

Auf Grills spezialisierte Schmuckgeschäfte öffnen inzwischen in den Einkaufszentren jeder grösseren amerikanischen Stadt. Nur sechs Stunden dauert es im Idealfall vom medizinischen Zahnabdruck bis zur goldenen Prothese. Mancherorts sind Grills zum bevorzugten Teenage- Gesprächsthema geworden. Vier Schuldistrikte in Nordost-Texas haben deshalb die Notbremse gezogen: Mit Beginn des neuen Schuljahres ist das Tragen von Mundjuwelen aller Art im Unterricht und im Pausenhof verboten. Unter den Schülern sei ein Wettstreit um die grössten Grills entflammt, so begründeten Schulbehörden das Verbot. Womöglich stehen Lehrer und Direktoren bald vor neuen Problemen. Wer in der Hip- Hop-Szene von Houston derzeit etwas auf sich hält, kombiniert Grills und «Pimp-Cup» - es handelt sich um ein vergoldetes, mit Diamanten überzogenes Trinkgefäss. Auch davon gibt es allerdings erschwingliche, mit Zirkonen besetzte Einsteigermodelle: für die Schulmilch auf dem Pausenhof.

Jonathan Fischer